15. März 2020

Familie unter Hausarrest

Liebe Eltern,
uns allen stehen besondere Zeiten bevor. Die Kinder für die nächsten fünf Wochen daheim zu betreuen und alle sonstigen Unterhaltungseinrichtungen geschlossen zu wissen, stürzt viele in Ratlosigkeit, Verwirrung und vielleicht sogar unterdrückte Verzweiflung. Daher möchte ich als Diplom-Sozialpädagogin/-arbeiterin (FH) hier ein paar hilfreiche Leitlinien mitgeben, die euch als Familie helfen können, aus den Umständen eine Chance zu machen mehr zusammenzuwachsen, nicht in Eintönigkeit zu versumpfen und am Ende mehr Wertschätzung füreinander entwickelt zu haben:
Zunächst gilt auch hier, was für vergleichbare erzwungene Lebensumstände mit eingeschränktem Sozialleben und Mangel an Struktur (z.B. Arbeitlosigkeit) gilt:


1. Schafft eine Tagesstruktur!

D.h. unterscheidet zwischen wochentags und Wochenende/Feiertag. Schlaft nicht „einfach rein“! Setzt euch eine feste Zeit, zu der der Wecker klingelt; eher als am Wochenende (z.B. 7 Uhr). Setzt euch eine Frühstückszeit fest und erscheint alle pünktlich usw.
Außerdem gliedert den Tag in Arbeitszeiten und „Feierabend“/ Entspannung! Empfehlenswert ist es, am Vormittag zu arbeiten und nachmittags Freizeit zu gestalten (siehe dazu das Beispiel im Anhang). Dadurch weiß man genau, wann man als Gemeinschaft füreinander oder bestimmte Aufgaben zur Verfügung stehen muss und wann jeder seinen eigenen Interessen nachgehen kann. Das entschärft unterschiedlichen Erwartungsdruck.

2. Gestalte die Tage abwechslungsreich!

Auch für Abwechslung kann man ein Schema entwickeln, so dass man sich nicht jeden Tag neu erfinden muss (siehe dazu das Beispiel im Anhang). Nicht jede Arbeit muss an jedem Tag erledigt werden: Unterschiedliche Unterrichtsfächer, verschiedene Haushaltstätigkeiten und Projekte können helfen, die Woche zu gliedern und den Überblick nicht zu verlieren.
Aber auch die Freizeit sollte nicht völlig dem Zufall überlassen werden: Es ist für alle Beteiligten hilfreich zu wissen, was man wann erwarten kann und was nicht. Z.B. ist es nicht sinnvoll und sogar schädlich, die Kinder jeden Tag ungebremst vor dem Fernseher o.ä. Medien zu parken. Außerdem nervt es alle, täglich darüber diskutieren zu müssen. Hier helfen definierte Zeiteinheiten, z.B. dienstags und donnerstag bzw. täglich eine halbe Stunde, die man sich aufsparen kann für einen längeren Film usw.
Überlegt euch im Voraus auch Alternativangebote: Basteln, Wandern, Puzzlen, Gesellschaftsspiele, Experimente … Wann habt ihr zuletzt ein Buch als Familie gelesen? Beim Vorlesen nimmt man aneinander Anteil, schult die Konzentration und Lesefähigkeit, kann zwischendurch über Gelesenes austauschen und hat am Ende einfach mehr voneinander.

3. Schafft euren Kindern Verantwortungsbereiche!

Vermittelt euren Kindern für diese Zeit, dass es noch mehr als sonst um Teamarbeit geht. Ihr Einbringen ist gefragt und nötig. Alle müssen jetzt zusammenhalten. Das zu begreifen ist wichtig für eure eigene Entlastung (ob es um Aufgaben oder Streitfragen geht), aber auch bereichernd für eure Kinder: Sie wollen sich beweisen können. Mit einer guten Anleitung/ Einweisung in bestimmte Bereiche und regelmäßiger freundlicher Erinnerung kann das eine wirklich gute Erfahrung für alle werden.

Außerdem: Gebt Kompetenzen weiter!

Jeder hat verschiedene Fähigkeiten, die in der Schule nicht direkt Teil des Unterrichts sind. Das kann Kochen, Gärtnerei, handwerkliches Geschick, Handarbeiten, Programmieren, Musizieren, Kalligrafie, Tierpflege oder was auch immer sein: Lasst eure Kinder an dem Anteil haben, was ihr könnt! Fordert sie heraus, es selbst zu versuchen. Oder lasst euch von ihnen etwas beibringen. Auf jeden Fall ist es für alle von Wert, sich auf ungezwungene Weise „weiterzubilden“. Das steigert die Wertschätzung, tötet Langeweile, schafft neue sinnvolle Hobbys, bereitet aufs echte Leben vor, schweißt zusammen und vermittelt euren Kindern, dass es mehr gibt als ihren bisherigen Horizont.
Ich hoffe, dass diese Anregungen euch zu neuen aufregenden Ideen führen, wie ihr die kommende Zeit gestalten wollt. Und ich hoffe, dass ihr erkennt, wie groß die Chance ist, sich als Familie aneinander zu freuen und besser zusammenzuwirken.
Ich wünsche allen Gesundheit und Liebe füreinander,
Anja Koch