Werktagsgottesdienst vom 20.10.2016: Stefan Beyer – Johannes Calvin – Alle Ehre sei Gott

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Calvin – Alle Ehre sei Gott

  • Nur wenige bedeutsame Persönlichkeiten der Kirchengeschichte sind so verleumdet worden wie Johannes Calvin (Jean Cauvin, 1509-1564).
  • Aber über Calvin sollte man mehr wissen, denn er hat nicht nur den reformierten Flügel der Christenheit maßgeblich beeinflußt, sondern die gesamte neuzeitliche Christenheit.
  • Mittlerweile hat die Calvinforschung aufgedeckt, daß das Calvinbild durch jahrhundertelange Propaganda verzerrt wurde und wenig mit dem eigentlichen Johannes Calvin zu tun hat.
Calvins Bedeutung
  • Schon 1552 wurde vom Hamburger lutherischen Theologen Pastor Joachim Westphal der polemisch gemeinte Begriff “calvinistisch” verwendet und damit der Eindruck erweckt, Calvin wäre nur für einen Teil der Christenheit als Ziehvater von Bedeutung.
  • Aber kaum ein Reformator hat schon zu Lebzeiten so breit gewirkt wie Calvin.
    • Er baute die reformierte Kirche in Genf auf und nahm dadurch weltweiten Einfluß auf den Protestantismus.
    • Er führte eine neue Gemeindeleitungsstruktur mit gewählten Ältesten und Pastoren ein.
    • Er entwickelte die reformatorische Exegese (Bibelauslegung) und Dogmatik (Lehre).
    • Er belebte die klassische Trinitätslehre wieder und betonte auch das Wirken des Heiligen Geistes.
    • Er entwickelte die Lehre vom dreifachen Amt Christi als König, Priester und Prophet.
    • Er bemühte sich mit großem Nachdruck um die Einigung der verschiedenen Richtungen der schweizerischen Reformation.
    • Er bemühte sich wiederholt um Kontakt zu den Lutheranern.
    • Die Pfalz wandte sich dank der Wirkung des Calvin-Schülers Olevian der reformierten Lehre zu.
    • Vor allem hat Calvin auf den französischen Protestantismus Einfluß ausgeübt.
    • Durch seinen umfangreichen Briefwechsel wirkte er bei allen wichtigen Entscheidungen der französischen Protestanten mit.
    • Immer wieder forderte er angesichts der Verfolgungen zu einem aufrechten Bekenntnis des Glaubens auf.
    • Er verband die verstreuten, französischen protestantischen Gemeinden zu einer organisierten Kirche.
    • Dadurch wuchs die Zahl der französischen Protestanten auf ein Sechstel der Bevölkerung (1558).
    • Er hatte zahlreiche Verbindungen mit England und Schottland, die für den Gang der Reformation in diesen Ländern wichtig waren.
    • Er stand mit den Führern der englischen Kirche, insbesondere Erzbischof Cranmer im Briefwechsel.
    • Der schottische Reformator John Knox war ein Schüler Calvins.
    • Durch seinen Briefwechsel half Calvin bei dem Aufbau der reformierten Gemeinden bis nach Polen und Ungarn.
    • Unter Calvin wurde Genf zum Missionshaus für ganz Europa.
    • Von überall her rief Calvin die Leute zusammen, um sie in Genf auszubilden: “Schickt uns Holz, daß wir Pfeile draus schnitzen.”
    • In Genf wurden englische, schottische, niederländische, polnische und ungarische Pfarrer ausgebildet, die dann, von Calvins Geist beseelt, das Werk der Reformation in ihrer Heimat in Angriff nahmen.
    • Er gilt in der französischen Literaturwissenschaft als Meister des Französischen und Vorbild für Stil und Rhetorik.
450 Jahre Verleumdung Calvins
  • Solch positivem Wirken steht ein ganz anderes Calvinbild entgegen, auch wenn die Zahl der Anti-Calvin-Polemiken zugunsten ausgewogener historischer Darstellungen erfreulicherweise abnimmt.
  • Es dürfte wohl kaum einen Theologen der Geschichte geben, dessen öffentliches Bild in Medien, aber lange Zeit auch unter Fachleuten und in der Forschung, so von jahrhundertelanger Propaganda verzerrt wurde.
  • 1577 erschien eine Art Biographie Calvins von dessen persönlichem Feind Jerome-Hermes Bolsec.
    • Der Karmelit wurde zunächst Protestant, stritt dann mit Calvin über die Prädestinationslehre und kehrte zur katholischen Kirche zurück.
    • Er schildert Calvin als arrogant, grausam und dumm.
    • Er behauptet, Calvin sei bisexuell und habe viele wechselnde sexuelle Beziehungen zu Frauen und Männern gehabt.
  • Der scharfzüngige französische Religionskritiker Voltaire schoß sich auf den eineinhalb Jahrhunderte zuvor lebenden Calvin schärfer ein als auf die zeitgenössische katholische Kirche seines Landes.
    • Calvin wurde zum Inbegriff nicht nur alles Bösen am Protestantismus, sondern alles Bösen am Christentum.
  • Vor allem durch katholische und säkulare Forscher aus Frankreich wissen wir, daß die meisten Anklagen gegen Calvin aus heutiger Sicht falsche Gerüchte waren.
  • Trotzdem halten sich bis heute viele dieser Gerüchte und Fehleinschätzungen, nicht nur bei den innerprotestantischen Gegnern (z.B. Lutheraner oder Täufer), sondern selbst im evangelikalen und reformierten Bereich.
  • Während Luther immer wieder literarisch in politische Entwicklungen eingriff und damit in antisemitische Ausschreitungen, Bauernkriege und ihre Niederwerfung sowie Türkenkriege verwickelt war und in seinem Umfeld viele Häretiker hingerichtet wurden, ist davon wenig an ihm haftengeblieben.
  • Bei Calvin gab es nur in einigen extremen Fällen die Verurteilung von Häretikern, da bereits der Gedanke der Religionsfreiheit aufscheint.
  • Viele Flüchtlinge fanden wegen ihrer Glaubensüberzeugungen in Genf Unterschlupf.
  • Calvin war nie – auch nicht literarisch – in Kriege oder Bürgerkrieg verwickelt.
  • Er wirkte die meiste Zeit in einer Stadt, deren Politiker gegen ihn eingestellt waren.
  • Trotzdem ist das Calvinbild von zwei Hinrichtungen in seinem Umfeld bestimmt.
  • Die Kritik der Gegenreformation hatte Calvin besonders getroffen, weil Luther schon Tod war.
  • Auch die Lutheraner bekämpften Calvin, weil sie den Einfluß der reformierten Lehre in ihrem Gebiet fürchteten.
    • Kryptocalvinisten (heimliche Anhänger Calvins) wurden verjagt, eingekerkert und vereinzelt sogar ermordet.
    • Lutherische Söldner halfen dem katholischen König von Frankreich zur Bekämpfung der reformierten Hugenotten.
    • Reformierten Flüchtlingen wurde die Aufnahme in lutherische Gebiete verweigert.
  • Calvin war an vielen Religionsgesprächen beteiligt und Rang um die Einheit der Kirche.
  • Das Ziel der Kritik Calvins und der Verleumdung war klar: Man wollte seinen Einfluß zurückdrängen oder gar ausschalten.
  • Calvin wurde auch von der reformierten Bewegung nicht so verehrt und als Heiliger hingestellt, wie es in anderen Strömungen üblich war.
    • Der Fokus auf die Ehre Gottes und die eigene Bescheidenheit führte dazu, daß Calvins Fehler nicht vertuscht wurden, dann aber von seinen Gegner aufgebauscht und ausgenutzt wurden.
  • Die meiste Zeit hatte Calvin mehr Gegner im Rat der Stadt Genf als Anhänger.
    • Er konnte also keine Machtergreifung (laut Zweig) bewerkstelligen und ein Schreckensregime begründen.
    • Calvin hatte nicht die geringsten Amtsbefugnisse in dem Stadtstaat Genf.
Calvins Selbsteinschätzung
  • In seiner Abschiedsrede an die versammelten Genfer Pfarrer am 28. April 1564 sagte Calvin: “Ich habe viele Schwächen gehabt, die ihr habt tragen müssen. Alles, was ich unternommen hatte, hatte überhaupt keinen Wert. Die schlechten Menschen werden diesen Ausspruch ausschlachten, aber ich wiederhole, daß all mein Tun nichts getaugt hat und daß ich eine elende Kreatur bin. Aber ich kann sagen, ich habe es gut gemeint, meine Fehler haben mir stets mißfallen, die Wurzel der Furcht Gottes ist in meinem Herzen gewesen, und ihr könnt behaupten, daß herzliches Wohlwollen vorhanden war. Ich bitte euch, das Schlechte mir zu verzeihen, aber wenn es Gutes gegeben hat, euch danach zu richten und diesem zu folgen.”
  • Calvin sorgte testamentarisch dafür, daß er heimlich und anonym begraben wurde.
  • Es gab jahrhundertelang kein Calvindenkmal in Genf.
  • Von Calvin sind uns 1200 Briefe erhalten geblieben.
    • Halaski schreibt zu den Briefen: “Gewiß hören wir einmal den hellen Trompetenton, gewiß auch die kühle Verstandesschärfe. Aber dies alles ist und bleibt so menschlich, so demütig und oft so erstaunlich liebenswert.”
In Basel ensteht die Urfassung der Institutio
  • Weil die Protestanten in Frankfreich verfolgt wurden, verließ Calvin 1534 seine Heimat.
  • Er kam nach Basel und trat in Kontakt mit anderen Reformatoren, widmete sich den hebräischen Sprachstudien und schrieb zwei Vorreden zu der französischen Bibelübersetzung seines Vetters Pierre Robert Olivetanus.
  • In Basel vollendete Calvin 1536 im Alter von 26 Jahren die erste Auflage seiner Institutio religionis christianae (Unterricht in der christlichen Religion).
  • Die Institutio war die glänzendste dogmatische Leistung des Reformationszeitalters und als eine Apologie für die verfolgten Christen in Frankreich gedacht.
  • Sie sollte eine Einführung und eine Untermauerung des biblisch, reformatorischen Glaubens sein.
Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis
  • Calvin macht gleich in den ersten Worten der Institutio deutlich, daß es bei der christlichen Religion vor allem um die rechte Erkenntnis geht: von Gott und von mir selbst als Mensch.
  • Das erste Buch der Institutio steht unter dem Titel “Von der Erkenntnis Gottes als des Schöpfers” und beginnt mit den Worten: “All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, umfaßt im Grunde eigentlich zweierlei: die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis. Diese beiden aber hängen vielfältig zusammen.”
  • Nach Calvin hat der Mensch von Natur aus eine gewisse Kenntnis von Gott, die ihm von Gott selbst eingepflanzt wurde.
  • Aber der gefallene Mensch kann doch von sich aus nicht zu einer rechten Erkenntnis Gottes und damit auch zur Selbsterkenntnis kommen.
  • Durch die Sünde wird die Gotteserkenntnis immer wieder pervertiert.
  • Wahre Gotteserkenntnis ist immer mit wahrer Ehrfurcht vor Gott und rechter Frömmigkeit verbunden.
  • Diese wahre Ehrfurcht vor Gott muß der Heilige Geist im Herzen eines Menschen erst schaffen.
Das Alte Testament
  • Calvin spricht, im Gegensatz zu Luther, auch positiv vom Gesetz und vom Halten des Gesetzes aus Liebe.
  • Christus ist ein Erfüller der alttestamentlichen Verheißungen.
  • Es gibt damit für Calvin keinen scharfen Gegensatz zwischen Alten und Neuen Testament, sondern eine Verbindung von Verheißung und Erfüllung.
Heiligung
  • Gegen eine fehlende Betonung der Heiligung auf lutherischer Seite trägt Calvin den dreifachen Gebrauch des Gesetzes vor.
  • Der dritte Gebrauch dienst dem gerechtfertigten und vom Heiligen Geist erfüllten Gläubigen.
  • Sündenvergebung führt für ihn immer zur Sündenvermeidung.
  • Er balanciert auch die Bewahrung der Gläubigen bis zum Ende mit der notwendigen Heiligung aus.
Gebet
  • Calvin stellt der Auslegung des Vaterunsers ein umfangreiches und persönliches Plädoyer für das Beten voran.
  • Für ihn spielt die Erfahrung der Gebetserhörung eine große Rolle.
  • Calvin war von einer tiefen, praktischen Frömmigkeit geprägt und verband tiefes exegetisches und systematisches Schüfen mit der praktischen Erfahrung des christlichen Lebens.
  • Das wahre Kennzeichen der Kirche ist bei Calvin nicht die Predigt des Wortes Gottes, sondern daß diese befolgt wird und das kommt eben gerade im persönlichen Gebet zum Ausdruck.
Taufe und Abendmahl
  • Sakramente dienen der Glaubensstärkung und der Versicherung des Wortes Gottes.
  • Calvin geht über eine rein symbolische Wirkung hinaus, wehrt sich aber vehement gegen jede magische Vorstellung der Sakramente.
  • Ihre Kraft liegt in Gottes Verheißungen.
Christliche Freiheit
  • Calvin verteidigt die Freiheit als etwas Christliches.
  • Aber für ihn bedeutet Freiheit nicht individuelle und grenzenlose Freiheit, sondern Freiheit unter Gott, die Gott selbst durch das Einsetzen von Autoritäten zu unserem Besten beschränken kann.
  • Gott hat dies einerseites durch die Einsetzung geistlicher Gewalt in der Kirche getan, die das Wort Gottes zu fördern und zu fordern hat.
  • Andererseits hat Gott die weltliche Obrigkeit eingesetzt, was bei Calvin aber nicht nur eine Unterordnung unter den Staat bedeutet, sondern auch eine scharfe Ermahnung, wenn die Obrigkeit ihre Pflicht vernachläßigt.
  • Der zweite Gebrauch des Gesetzes Gottes ist für Calvin der politische Gebrauch, durch den der Staat legitimiert aber auch gebunden und kritisiert wird.
  • Für Calvin ist der Staat nicht anders als ein Rechtsstaat denkbar.
  • Schon in der ersten Fassung der Institutio verteidigt Calvin die Trennung von Kirche und Staat.
  • Calvin wünschte sich eine freie Kirche in einem freien Staat.
  • Mit dieser Sicht stand Calvin sowohl gegen die Lutheraner und die Vertreter eines landeskirchlichen Christentums, in dem die Kirche der Obrigkeit unterstellt blieb und alle Bürger umfasste.
  • Andererseits stand er aber auch gegen die Täufer, die die Kirche ganz im Gegensatz zum Staat und als eine kleine Größe in der Gesellschaft sahen.
  • Für Calvin hatte die Kirche eine gesellschaftstragende Funktion, die sich aber niemals vom Staat hineinregieren lassen darf und durch Kirchenzucht ihre Reinheit zu erhalten habe.
Prädestination und Verantwortung
  • Calvin verstand die Prädestinationslehre nicht als lähmende Wahrheit, sondern als eine Lehre, die das verantwortliche Handeln unter Gottes Autorität gerade begründet.
  • Die recht verstandene Prädestinationslehre richtet uns auf Gottes heiligen Willen aus und schenkt uns die Erkenntnis, daß Gott Kraft zur Erfüllung gibt.
  • Den Calvinisten wurde vorgeworfen, sowohl die Prädestination zu stark zu betonen, und damit Fatalisten zu sein, als auch die menschliche Verantwortung zu stark zu betonen und deswegen gesetzlich zu sein.
  • Aber für Calvin gab es ein Gleichgewicht zwischen der vollkommenen Abhängigkeit des Menschen von Gott und seinem verantwortlichen Handeln.
  • Gottes Willen schaltet den Willen des Menschen nicht aus, sondern bringt ihn zur Entfaltung.
  • Kein Reformator hat die Ethik breiter behandelt als Calvin.
    • Sie wird bei ihm erst im Nachgang mit dem Hinweis auf Gottes Vorsehung begründet und ermöglicht.
  • Die Position, die die Prädestination auf Kosten der Verantwortung des Menschen betont und etwa Bekehrungsrufe deswegen ablehnt, nennt man Hypercalvinismus.
    • Sie wurde vom klassischen Calvinismus immer verworfen und findet bei Calvin keinen Anhaltspunkt.
Der Vorrang der Exegese
  • Calvins umfangreichstes Werk sind seine Kommentare und nur von dorther sind seine anderen Schriften zu verstehen.
  • Die Schrift und ihre Auslegung regieren die Dogmatik nicht umgekehrt.
Quelle: Schätze der Gnade – Reformatorische Theologie im 21. Jahrhundert

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