Werktagsgottesdienst (Stefan Beyer) – Martin Luther – Der Kampf um das Wort Gottes

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Martin Luther – Der Kampf um das Wort Gottes

“Darum siehst du in demselben Psalm [119], wie David immerdar rühmt, er wolle reden, dichten, sagen, singen, hören, lesen Tag und Nacht und immerdar, doch nichts denn allein von Gottes Wort und Geboten. Denn Gott will dir seinen Geist nicht geben ohne das äußerliche Wort.” Martin Luther in “Über das Studium der Theologie”
Das Wort Gottes ist ein Buch
  • Eine der größten Neuentdeckungen der Reformation, besonders von Martin Luther, war, daß das Wort Gottes in Form eines Buches zu uns kommt.
  • Luther erkannte diese mächtige Wahrheit: Gott erhält die Erfahrung der Errettung und Heiligung von Generation zu Generation durch ein Buch der Offenbarung, nicht durch einen römischen Bischof oder durch die Schwärmereien eines Thomas Müntzer und seinen Propheten in Zwickau.
  • Einer von Luthers Erzwidersachern aus der katholischen Kirche, Silvester Mazzolini, schrieb als Antwort auf Luthers 95 Thesen: “Wer die Lehre der römischen Kirche und des Papstes von Rom nicht als unfehlbare Richtschnur des Glaubens annimmt, von denen selbst die Heiligen Schriften ihren Kraft und Autorität beziehen, der ist ein Ketzer.”
  • Das heißt, aus katholischer Sicht ist die Kirche und der Papst die letzte Autorität über das Heil und das Wort Gottes. Die Bibel hat nur eine abgeleitete, zweitrangige Autorität.
  • Heiko Oberman, ein Lutherexperte, schrieb: “Was neu war an Luther ist der absolute Gehorsam gegenüber der Heiligen Schrift, im Gegensatz zu allen sonstigen Autoritäten, seien sie Päpste oder Kirchenkonzile.”
  • Für Luther war das äußerliche Wort Gottes ein Buch und der rettende, heiligende und erleuchtende Geist Gottes kommt zu uns nur durch dieses äußerliche Buch.
  • Luther nennt es ein äußerliches Wort, um zu betonen, daß es objektiv, fest, unabhängig von uns und deshalb unabänderlich ist.
    • Weder kirchliche Hierarchie noch fanatischer Rausch können es ersetzen.
  • Es ist äußerlich, wie Gott. Du kannst es nehmen oder lassen. Aber du kannst es nicht verändern.
  • Kurz vor seinem Tod sagte Luther mit aller Deutlichkeit: “Wer Gott reden hören will, der lese die heilige Schrift, wer den Teufel reden hören will, der lese des Papstes Dekrete und Bullen.”
  • Luther liebte den Heiligen Geist, und wollte durch seine Betonung auf das äußerliche Wort nicht den Geist Gottes kleinreden.
  • Sondern für ihn war das Wort Gottes, das vom Heiligen Geist inspiriert wurde, das große Geschenk des Heiligen Geistes.
  • Ohne das äußerliche Wort können wir die Geister nicht unterscheiden, und hätten nur vage, subjektive Eindrücke.
  • Für Luther war der Heilige Geist eine wunderschöne Person, die ich durch das Wort Gottes kennen und lieben lernen kann, und nicht ein Rauschgefühl.
  • Manche wenden auch ein, daß Luther mit seiner Betonung auf ein Buch das fleischgewordene Wort herabsetzt.
  • Aber in dem Maße, wie dieses fleischgewordene Wort vom äußerlichen Wort Gottes losgelöst wird, in dem Maße wird der historische Jesus zu einer Wachsfigur, die sich jeder selbst zurechtformt.
  • Luther benutzte das äußerliche Wort Gottes, um das fleischgewordene Wort Gottes zu verteidigen und die Ablaßhändler aus dem Tempel zu vertreiben.
  • Als er am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen anschlug, lautete die 45. These: “Man soll die Christen lehren: Wer einen Bedürftigen sieht, ihn übergeht und statt dessen für den Ablaß gibt, kauft nicht den Ablaß des Papstes, sondern handelt sich den Zorn Gottes ein.”
    • Diese These gründete zu 100% auf dem äußerlichen Wort, vom Gleichnis des Barmherzigen Samariters und vom zweiten, großen Gebot.
    • Ohne das äußerliche Wort hätte Luther keine Grundlage gehabt, die Irrlehren und falschen Praktiken der katholischen Kirche anzugreifen.
  • Er schrieb in seiner Schrift “An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schule aufrichten und halten sollen” (1524):
    • Darum haben auch die Apostel selbst es für nötig angesehen, das Neue Testament in die griechische Sprache zu fassen und an sie zu binden, zweifellos dazu, um es hier sicher und zuverlässig für uns zu verwahren wie in einer heiligen Lade. Denn sie haben all das vorhergesehen, was kommen würde und was nun so eingetroffen ist: würde dieses Neue Testament allein in die Köpfe gefaßt, so würden sich manche wilde, wüste Unordnung und Verwirrung, so mancherlei Gesinnungen, Meinungen und Lehren in der Christenheit erheben, und diesen wäre auf keine Weise zu wehren noch die einfachen Leute davor zu schützen, wenn nicht das Neue Testament zuverlässig in Schrift und Sprache gefaßt wäre. Darum ist’s gewiß: wenn nimt die Sprachen erhalten bleiben, so muß zuletzt das Evangelium untergehen.
  • Der Heilige Geist minimiert nicht oder ersetzt nicht das äußerliche Wort.
    • Er ersetzt nicht das, wozu das äußerliche Wort gegeben wurde.
  • Die Folge ist, daß christliche Verkündiger im wesentlichen Vermittler des Wortes Gottes, welches in einem Buch überliefert wurde.
  • Christus begegnet uns in der Anbetung, in der Gemeinschaft und im Gehorsam durch das äußerliche Wort.
  • Dort sehen wir die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi (2. Korinther 4:6).
  • Um zu sehen, welchen Unterschied die Entdeckung dieses Buches für Luther gemacht hat, werden wir uns mehr von seinem Leben und Dienst anschauen.
Der Weg zum Professor
  • Luther wurde am 10. November 1483 in Eisleben geboren.
  • Sein Vater war Hüttenmeister im Kupferschieferbergbau.
  • Er wollte, daß sein Sohn Jura studiert, weswegen Luther sich in der Universität in Erfurt bei Jura einschrieb.
  • 1502 erhielt er seinen ersten ersten akademischen Abschluß und 1505 den Magister.
  • In diesem Sommer geschah die Damaskuserfahrung, bei der Luther am 2. Juli, als er auf seinem Heimweg von der Universität war, in einem Gewitter gefangen war und von einem Blitz zu Boden geworfen wurde.
  • Er rief aus: “Hilf du, Heilige Anna, ich will ein Mönch werden.”
  • Er fürchtete um sein Leben und wußte nicht, wie er Rettung im Evangelium finden konnte. Deshalb wandte er sich zu dem, was er kannte: das Kloster.
  • Nach 15 Tagen hielt er seinen Schwur – zur Bestürzung seines Vaters.
  • Am 17. Juli 1505 klopfte er beim Augustinerkloster in Erfurt an und bat um Aufnahme.
  • Gott lenkte auch hier schon in seiner Vorsehung des Leben von Martin Luther und führte ihn auf den Weg, das Evangelium zu entdecken.
  • Wir dürfen dem Herrn vertrauen, daß er auch unser Leben fruchtbar machen kann, egal welche Fehler wir begangen haben und aus welchem Hintergrund wir kommen.
  • Luther war 21 Jahre alt als er Mönche wurde, und würde erst 20 Jahre später seine Frau Katharina von Bora heiraten.
  • Er mußte lange ledig bleiben, mit allen Versuchungen, die das beinhaltete.
  • Aber sein größter Kampf im Kloster war nicht die Versuchung, sondern die Sorge, daß er Gott verärgert hatte und nun durch seine guten Taten zufriedenstellen mußte.
  • Zu Ostern am 3. April 1507 wurde er zum Priester ordiniert und feierte am 2. Mai seine erste Messe.
  • Er war so überwältigt vom Gedanken an die Majestät Gottes, daß er fast davonlaufen wollte.
  • Luther hatte zu dieser Zeit einen starken Eindruck der Heiligkeit Gottes.
  • Danach lehrte er für zwei Jahre Philosophie im Kloster, wobei er später sagte, daß Philosophie nur ein Schatten der Wahrheit in Christus ist.
  • Ab 1509 erlaubte Luthers Vorgesetzter Johannes von Staupitz, daß Luther die Bibel lehren durfte anstatt Moralphilosophie.
  • Drei Jahre später am 19. Oktober 1512 erhielt Luther mit 28 Jahren die Doktorwürde in Theologie.
  • Danach sorgte von Staupitz dafür, daß Luther Biblische Theologie an der Universität von Wittenberg lehren durfte, wo er für den Rest seines Lebens blieb.
Was wir von Luther lernen können
  • Luther war ein Prediger, der mit Freude in der Stadtkirche von Wittenberg predigte.
    • In der Stadtkirche gab es Sonntags um 5 Uhr eine Predigt über einen neutestamentlichen Brief, um 10 Uhr eine Predigt aus den Evangelien und am Nachmittag eine Predigt aus dem Alten Testament.
    • Die Predigten am Montag und Dienstag waren aus dem Katechismus, Mittwoch aus Matthäus, Donnerstag und Freitag aus den apostolischen Briefen und Samstag aus dem Johannesevangelium.
    • Luther war nicht der Pastor der Stadtkirche, aber er nahm regelmäßig am Predigtdienst teil.
      • Normalerweise predigte er zweimal am Sonntag und einmal unter der Woche.
  • Luther war ein Familienmensch.
    • Er war vom 42. Lebensjahr bis zu seinem Tod mit 62 mit Katharina verheiratet.
    • Sie gebar in schneller Folge sechs Kinder, von denen eines früh starb.
    • Nach seinem Predigtdienst am Sonntag leitete er die Hausandacht, die eine Art Gottesdienst für bis zu einer Stunde war, an dem die Kinder und die Gäste teilnahmen.
  • Luther war teil der Gemeinde und nahm leidenschaftlich an ihren Kämpfen teil.
    • Er war teil der Heidelberger Disputation (1518), dem Treffen mit Kardinal Cajetan in Augsburg (1518), der Leipziger Disputation mit Johannes Eck und Andreas Karlstadt (1519), dem Reichstag zu Worms vor dem Kaiser (1521), dem Marburger Relgionsgespräch mit Zwingli (1529) und dem Reichstag zu Augsburg (1530).
    • Er veröffentlichte viele Schriften zur Führung und Erbauung der Gemeinde.
    • Das ganze Mittelalterliche System geriet ins Wanken und Luther mußte zu vielen Fragen Stellung beziehen, einschließlich Schule und Bildung.
Luther im Bibelstudium
  • Durch intensives Studium der Bibel hatte Luther das Evangelium entdeckt.
  • Im Jahr 1518 hatte er sein berühmtes Turmerlebnis, von dem er kurz vor seinem Tod berichtet.
    • “Inzwischen war ich in diesem Jahr zum Psalter zurückgekehrt, um ihn von neuem auszulegen, im Vertrauen darauf, daß ich geübter sei, nachdem ich St. Pauli Epistel an die Römer und Galater und die an die Hebräer in Vorlesungen behandelt hatte. Ich war von einer wundersamen Leidenschaft gepackt worden, Paulus in seinem Römerbrief kennenzulernen, aber bis dahin hatte mir nicht die Kälte meines Herzens, sondern ein einziges Wort im Wege gestanden, das im ersten Kapitel steht: »Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm [= Evangelium] offenbart« [Röm 1,17]. Ich hatte nämlich dieses Wort “Gerechtigkeit Gottes” zu hassen gelernt, das ich nach dem allgemeinen Wortgebrauch aller Doktoren philosophisch als die sogenannte formale oder aktive Gerechtigkeit zu verstehen gelernt hatte, mit der Gott gerecht ist, nach der er Sünder und Ungerechte straft. – Ich aber, der ich trotz meines untadeligen Lebens als Mönch, mich vor Gott als Sünder mit durch und durch unruhigem Gewissen fühlte und auch nicht darauf vertrauen konnte, ich sei durch meine Genugtuung mit Gott versöhnt: ich liebte nicht, ja, ich haßte diesen gerechten Gott, der Sünder straft; wenn nicht mit ausgesprochener Blasphemie, so doch gewiß mit einem ungeheuren Murren war ich empört gegen Gott und sagte: »Soll es noch nicht genug sein, daß die elenden Sünder, die ewig durch die Erbsünde Verlorenen, durch den Dekalog mit allerhand Unheil bedrückt sind? Muß denn Gott durch das Evangelium den Schmerzen noch Schmerzen hinzufügen und uns durch das Evangelium zusätzlich seine Gerechtigkeit und seinen Zorn androhen?« So raste ich in meinem wütenden, durch und durch verwirrten Gewissen und klopfte unverschämt bei Paulus an dieser Stelle an, mit heißestem Durst zu wissen, was St. Paulus damit sagen will. Endlich achtete ich in Tag und Nacht währendem Nachsinnen durch Gottes Erbarmen auf die Verbindung der Worte, nämlich -. »Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm offenbart, wie geschrieben steht [Hab 1,4], “Der Gerechte lebt aus dem Glauben”. « Da habe ich angefangen, die Gerechtigkeit Gottes so zu begreifen, daß der Gerechte durch sie als durch Gottes Geschenk lebt, nämlich aus Glauben; ich begriff, daß dies der Sinn ist: offenbart wird durch das Evangelium die Gerechtigkeit Gottes, nämlich die passive, durch die uns Gott, der Barmherzige, durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: »Der Gerechte lebt aus dem Glauben«.
    • Nun fühlte ich mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten. Da zeigte sich mir sogleich die ganze Schrift von einer anderen Seite. Von daher durchlief ich die Schrift, wie ich sie im Gedächtnis hatte, und las auch in anderen Ausdrücken die gleiche Struktur , wie: “das Werk Gottes”, d.h. was Gott in uns wirkt, “die Kraft Gottes”, mit der er uns kräftig macht, “die Weisheit Gottes”, mit der er uns weise macht, “die Stärke Gottes”, “das Heil Gottes”, “die Herrlichkeit Gottes”. Nun, mit wieviel Haß ich früher das Wort “Gerechtigkeit Gottes” gehaßt hatte, mit um so größerer Liebe pries ich dieses Wort als das für mich süßeste; so sehr war mir diese Paulusstelle wirklich die Pforte zum Paradies. Später las ich Augustins »De spiritu et littera«, wobei ich unverhoffterweise darauf stieß, daß auch er die Gerechtigkeit Gottes ähnlich interpretiert: [als die Gerechtigkeit], »mit der uns Gott bekleidet, indem er uns rechtfertigt«. Und obwohl dies noch unvollkommen gesagt ist und Augustin von der Anrechnung [imputatio] nicht alles klar expliziert, gefiel es mir doch, daß die Gerechtigkeit Gottes gelehrt wird, mit der wir gerechtfertigt werden.”
  • Luther erhob den biblischen Text selbst weit über die Lehren der Kommentatoren und Kirchenväter.
    • Er fing an, zweimal pro Jahr durch die Bibel zu lesen.
    • Ihm war es wichtiger und süßer, die Wahrheit mit eigenen Augen zu entdecken.
  • Luther fing an, einzelne Bibelstellen genau zu studieren.
    • Luther studierte Texte wie Mose den Felsen in der Wüste behandelte, er schlug darauf ein bis Wasser hervorströmte.
    • Oder wie Jakob zu dem Engel des Herrn sage: “Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich!” (1. Mose 32:27)
    • Dazu ist das induktive Bibelstudium ein ausgezeichnetes Werkzeug.
  • Luther war davon überzeugt, daß die Kenntnis der biblischen Sprachen, Griechisch und Hebräisch, enorm wichtig für Verkündiger ist.
    • “Und laßt uns das gesagt sein, daß wir das Evangelium nicht recht erhalten werden ohne die Sprachen. Die Sprachen sind die Scheiden, worin dieses Messer des Geistes steckt. Sie sind der Schrein, worin man dieses Kleinod trägt. Sie sind das Gefäß, worin man diesen Trank faßt. Sie sind die Kammer, worin diese Speise liegt. Und wie das Evangelium selbst (Matth 14,20) es zeigt, sie sind die Körbe, in denen man diese Brote und Fische und Brocken aufbewahrt.
    • Das hat auch die Erfahrung bewiesen und zeigt es noch. Denn bald nach der Zeit der Apostel, als die Sprachen aufhörten, nahm auch das Evangelium und der Glaube und das ganze Christenwesen je länger je mehr ab, bis es unter dem Papst ganz versunken ist. Und seitdem die Sprachen dahingefallen sind, ist nicht viel Besonderes in der Christenheit wahrzunehmen gewesen; dagegen sind gar viele schreckliche Greuel infolge der Unkenntnis der Sprachen geschehen. Ebenso umgekehrt: nachdem jetzt die Sprachen hervorgetreten sind, bringen sie ein solches Licht mit sich und richten so Großes aus, daß sich alle Welt verwundert und bekennen muß, daß wir das Evangelium so lauter und rein haben, fast wie es die Apostel gehabt haben, und daß es ganz zu seiner ersten Reinheit wiederhergestellt und sehr viel reiner ist, als es zur Zeit von S. Hieronymus oder Augustin gewesen ist.
    • Hierher gehört auch, was S. Paulus 1 Kor 14, 27.29 will, daß der Christenheit das Urteil über die Lehre aller Art zustehen soll. Dazu ist es vor allem nötig, die Sprachen zu kennen. Denn der Prediger oder Lehrer kann wohl die Bibel durch und durch auslegen, wie er will, gleichviel ob er den Sinn trifft oder verfehlt, wenn niemand da ist, der beurteilt, ob er’s recht macht oder nicht. Soll man denn urteilen, so muß Kenntnis der Sprachen da sein, sonst ist’s verloren. Darum kann zwar der Glaube und das Evangelium durch einfache Prediger ohne Sprachkenntnisse gepredigt werden; aber es geht dabei doch faul und schwach zu und man wird’s zuletzt müde und überdrüssig und kommt damit zu Fall. Aber wo die Sprachen sind, da geht es frisch und kraftvoll; da wird die Schrift durchgearbeitet und entsteht der Glaube immer wieder neu durch andere und wieder andere Worte und Werke, so daß Psalm 29, 9 ein solches Studieren in der Schrift mit einer Jagd vergleicht und sagt, Gott öffne den Hirschen die dichten Wälder, und Psalm 1,3 mit einem Baum, der immer grünt und immer frisches Wasser hat. Es soll uns auch nicht irre machen, daß manche sich des Geistes rühmen und die Schrift gering achten, und manche auch, wie die Waldenserbrüder die Sprachen für etwas Unnützes halten. Vielmehr, lieber Freund, Geist hin, Geist her! Ich bin auch im Geist gewesen, und habe auch “Geist” gesehen, – wenn’s je gelten sollte, sich des eignen Fleisches zu rühmen, vielleicht mehr, als diese noch im Laufe eines Jahres sehen werden, so sehr sie sich auch rühmen; auch hat mein Geist gewisse Beweise von sich gegeben, während ihr Geist gar still im Winkel sitzt und nicht viel mehr tut, als seinen eignen Ruhm zu erheben. Das weiß ich aber sicher: so sehr der Geist alles allein tut, so wäre ich doch dem Ziele ferne geblieben, wenn mir nicht die Sprachen geholfen und mich der Schrift sicher und gewiß gemacht hätten. Ich hätte auch wohl ehrbar sein und in der Stille recht predigen können. Aber den Papst und die Sophisten samt dem ganzen antichristlichen Regiment hätte ich dann wohl bleiben lassen, was sie sind. Der Teufel achtet meinen »Geist« nicht so sehr wie meine Sprache und meine Feder in Sachen der Schrift. Denn mein Geist nimmt ihm nichts als nur mich; aber die Heilige Schrift und die Sprachen machen ihm die Welt zu enge. Das tut ihm Schaden in seinem Reich.” (An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schule aufrichten und halten sollen)
    • Das große, sprachrelevante Ereignis zu Luthers Zeiten war die veröffentlichung des Neuen Testaments durch Desiderius Erasmus.
    • Sobald es im Sommer 1516 erschien, besorgte sich Luther eine Kopie und begann sie zu studieren.
  • Luther studierte die Bibel fleißig trotz großer Ablenkungen.
    • Trotz seiner Verpflichtungen als Professor und Familienvater verwandte Luther viel Zeit auf das Bibelstudium.
    • Er hatte harte Worte gegen Faulheit.
    • Er lobte den Predigtdienst, der, wenn er richtig ausgeführt wird, einem Menschen alles abverlangt.
    • Er lobte das beständige Lernen.
      • “Darum bitte ich nochmals alle Christen, besonders die Pfarrer und Prediger, sie sollen nicht zu früh Doktoren sein wollen und sich nicht einbilden, alles zu wissen; es geht an der Einbildung wie an [frisch] gespanntem Tuch viel ein. Vielmehr sollen sie sich täglich und wohl drin üben und es immer treiben, dazu mit aller Sorge und Fleiß sich vorsehen vor dem giftigen Geschmeiß solcher Sicherheit oder Dünkelmeister. Daher sollen sie stetig anhalten mit Lesen, Lehren, Lernen, Nachdenken und Nachsinnen und nicht [davon] ablassen, bis sie erfahren und [dessen] gewiss werden, dass sie den Teufel zu Tode gelehrt haben und gelehrter geworden sind als Gott selber es ist und alle seine Heiligen. Werden sie solchen Fleiß drauf verwenden, so will ich’s ihnen versprechen und sie sollen’s auch innewerden, was für einen Gewinn sie erlangen werden, und was für feine Leute Gott aus ihnen machen wird. Sie sollen nämlich mit der Zeit fein selber bekennen, dass sie, je länger und mehr sie den Katechismus treiben, desto weniger davon verstehen und desto mehr dran zu lernen haben. Und dann allererst, wenn sie hungrig und durstig sind, wird ihnen das recht schmecken, was sie jetzt vor großer Völlerei und Überdruss nicht riechen können.” (Vorrede Martin Luthers für die Pfarrer und Prediger (1529))
    • Aller Dienst sollte jedoch aus der Gnade Gottes geschehen.
      • 10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade, die er an mir erwiesen hat, ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe mehr gearbeitet als sie alle; jedoch nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist. (1. Korinther 15:10)
  • Luther hat eine ausgeprägte Theologie des Leidens.
    • Nur Anfechtungen machen einen echten Theologen, Versuchungen und Leid helfen, die Bibel auszulegen.
      • 67 Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich; nun aber befolge ich dein Wort. (Psalm 119:67)
      • 71 Es ist gut für mich, daß ich gedemütigt wurde, damit ich deine Anweisungen lerne. (Psalm 119:71)
    • Er schrieb über das Studium der Theologie:
      • “Darüber hinaus will ich dir anzeigen eine rechte Weise, in der Theologie zu studieren – denn ich habe mich geübt. Und zwar ist es die Weise, die der heilige König David im 119. Psalm lehrt (und ohne Zweifel auch alle Patriarchen und Propheten gehalten haben). Darin wirst du drei Regeln finden, durch den ganzen Psalm reichlich vorgestellt. Und heißen also: Oratio, Meditatio, Tentatio. Zum dritten ist da Tentatio, Anfechtung. Die ist der Prüfstein, die lehrt dich nicht allein wissen und verstehen, sondern auch erfahren, wie recht, wie wahrhaftig, wie süß, wie lieblich, wie mächtig, wie tröstlich Gottes Wort sei, Weisheit über alle Weisheit. Denn sobald Gottes Wort ausgeht durch dich, so wird dich der Teufel heimsuchen, dich zum rechten Doktor machen und durch seine Anfechtung lehren, Gottes Wort zu suchen und zu lieben. Denn ich selber (daß ich Mäusedreck auch mich unter den Pfeffer menge) habe sehr viel meinen Papisten zu danken, daß sie mich durch des Teufels Toben so zerschlagen, bedrängt und geängstet, das ist, einen rechten, guten Theologen gemacht haben, wohin ich sonst nicht gekommen wäre.”
    • Luther lebte von 1521 an unter der Acht des Reiches.
    • Der Kaiser Karl V. sagte, daß er alles gegen Luther mobilisiert hatte.
    • Luther konnte legal umgebracht wurden, nur da nicht, wo er von Friedrich dem Weisen von Sachsen beschützt wurde.
    • Er wurde immer wieder aufs Schlimmste beschimpft und verleumdet.
    • Er leidete unter schlimmen Nierensteinen und Kopfschmerzen, Pfeifen im Ohr und Ohrentzündungen, Verstopfung und Hämorriden.
    • Am 2. August 1527 schrieb er zu seinem Freund Melanchthon: “Fast der ganze Christus war weg, und ich wurde umgetrieben von den Fluten und Stürmen der Verzweiflung und Lästerung gegen Gott.”
    • Nach außen sah er oft unverwundtbar aus.
    • 1521 schrieb er von von der Wartburg an Melanchton: “Es sind schon acht Tage, daß ich nichts schreibe, weder bete noch studiere, teils von Anfechtungen des Fleisches, teils durch andere Beschwerden gequält. Wenn die Sache nicht besser wird, muß ich tatsächlich öffentlich nach Erfurt gehen. Dort kannst du mich sehen oder ich dich; denn ich werde dort Ärzte oder Wundärzte zu Rate ziehen. Denn ich kann dieses Übel nicht länger ertragen. Lieber hätte ich zehn große Wunden als dieses kleine Anzeichen einer Verletzung. Vielleicht beschwert mich der Herr auch deshalb, um mich so aus der Einsamkeit in die Öffentlichkeit zu stoßen.”
  • Luther lebte in Gebet und völliger Abhängigkeit von Gott.
    • 1518 schrieb er an Spalatin: “Die erste Pflicht ist es, mit dem Gebet zu beginnen, daß etwas durch Dich zu seiner Ehre geschehe, nicht zu Deiner oder eines Menschen, er Dir aus Gnaden das wahre Verständniß seiner Worte erschließen wolle. Denn es giebt keinen Lehrer des göttlichen Wortes, ohne den Schreiber des Wortes selbst, wie er spricht: Es werden Alle von Gott gelehret sein. Daher gieb Dein Vertrauen auf Dein Studium auf und auf Deinen Verstand; vertraue hingegen Gott allein und der Eingebung des Geistes. Ferner lies die heilige Schrift von Anfang bis zum Ende nach der OIrdnung, so daß Du zuerst die einfache Geschichte Dir einprägst (was Du jedoch schon lange gethan haben wirst), wozu Dir S. Hieronymus in seinen Briefen und Erklärungen vortreffliche Dienste leisten wird. Hingegen zur ERkenntniß Christi und der göttlichen Gnade, d.h. zu dem tiefen Verständniß des Geistes, scheint mir S. Augustinus und Ambrosius weit dienlicher zu sein.”
    • Er meinte nicht, daß wir das äußerliche Wort nicht durch das Studium verstehen lernen können, aber niemals durch das Studium allein.
      • 18 Öffne mir die Augen, damit ich sehe die Wunder in deinem Gesetz ! (Psalm 119:18)
      • 27 Laß mich den Weg verstehen, den deine Befehle weisen, so will ich reden über deine Wundertaten. (Psalm 119:27)
      • 34 Gib mir Verständnis, so will ich dein Gesetz bewahren und es befolgen von ganzem Herzen. (Psalm 119:34)
      • 35 Laß mich wandeln auf dem Pfad deiner Gebote, denn ich habe Lust an ihm. 36 Neige mein Herz zu deinen Zeugnissen und nicht zur Habgier! 37 Halte meine Augen davon ab, nach Nichtigem zu schauen; belebe mich in deinen Wegen! (Psalm 119:35-37)
    • Luther glaubte an Römer 8:7: “Weil nämlich das Trachten des Fleisches Feindschaft gegen Gott ist; denn es unterwirft sich dem Gesetz Gottes nicht, und kann es auch nicht.”, so daß wir aus uns selbst heraus nichts Gutes tun können.
    • Im Herzen der Theologie Luthers war eine vollkommene Abhängigkeit von der Gnade Gottes.
    • Unter unseren Willen sah er eine Knechtschaft, die nur durch die Gnade Gottes überwunden werden kann.
    • Sein Buch mit dem Namen “Vom unfreien Willen” schrieb er 1525 als Antwort auf Erasmus, der ein Buch namens “Vom freien Willen” herausbrachte.
    • In diesem zentralen Werk legt er den Hauptangelpunkt der Reformation offen: Sind wir fähig zu guten Werken oder absolut abhängig von Gott?
    • In seinem Kommentar zum Galaterbrief (Galater 1:11-12) schrieb er: “So erinnere ich mich, daß Dr. Staupitz … im Anfang meiner Sache zu mir gesagt hat: Das tröstet mich, daß diese unsere Sache der Gnade die ganze Ehre und alles allein Gott zuteilt, den Menschen nichts. Gott aber, das ist doch sonnenklar, kann man nicht zuviel Ehre, Gutheit usw. zuschreiben und zuteilen. So tröstete er mich damals und das ist wahr, die Lehre des Evangeliums nimmt den Menschen allen Ruhm, Weisheit, Gerechtigkeit usw. und teilt das alles allein dem Schöpfer zu, der aus nichts alles macht.”
    • Am 18. Februar 1546 starb Luther nachts um 3 Uhr. Seine letzten Worte waren: “Wir sind Bettler. Hoc es verum.”
      • Wir sind absolut von Gottes Gnade abhängig.
      • Nur wenn wir so leben und sein Wort studieren, bekommt Gott am Ende alle Ehre und wir seine Gnade.
Quelle: The Legacy of Sovereign Joy von John Piper.
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